Christen pro Ethik (CpE)

 

"GOTT UND DIE WELT -             Dritte Stunde: Werte - 10 Jahre Ethik-Unterricht in Berlin"

Zehn Jahre nach Einführung des verpfichtenden Ethikunterrichts in Berlin hat das Kulturradio Berlin, Redakteur Matthias Bertsch, einen Beitrag zum Ethikunterricht gesendet, der mit Unterrichtsbesuchen, Interviews und kritischen Fragen zum Ausbildungsstand der Lehrkräfte am 20.3. 2016 veröffentlicht wurde.

Die pdf-Datei des Manuskriptes kann bei mir angefordert werden: ruthpriese@gmx.de

 

 

In Folgendem ein u.E. lohnender Text und Joseph Göbels Reaktion darauf vom 15.10.2015:

 

Deutsche Zusammenfassung der Forschungsarbeit zur Erlangung des Masterabschlusses im Rahmen der deutsch-französischen universitären Partnerschaft zwischen der Université Lumière Lyon 2 et Albert-Ludwigs-Universität Freiburg


von Alexandre Bocage
Université Lumière Lyon 2 Faculté d’anthropologie, de sociologie et de science politique .... :

D
er Berliner Volksentscheid um den Religionsunterricht (2009) :
Engagement und Mobilisierung von Christen an der Seite der
Gegenbewegung « Pro Ethik »: Deutsche Zusammenfassung
Jahrgang 2014-2015

....


Den Rahmen dieser Arbeit bildete unser Interesse für die Beziehungen zwischen dem Deutschen Staat und den christlichen Kirchen. Wir entschieden uns für eine Fokalisierung auf
das Thema Religionsunterricht als Pflichtfach in den öffentlichen Schulen des Landes, um eine der zahlreichen Beziehungen zwischen beiden Institutionen näher betrachten zu können.
Zum Untersuchungsgegenstand Religionsunterricht erlangten wir in einer Vorarbeit zum Thema zur Betrachtung, dass der Religionsunterricht seinen Pflichtcharakter aus dem Artikel
7 Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes von 1949 hat. Diese Tatsache führte uns zum Verständnis, dass das Neutralitätsgebot des Staates in Deutschland anders verstanden wird als in Frankreich mit seinem Laizitätsgebot.
Zahlreiche Wissenschaftler sind sich in dem Punkt einig, dass der deutsche Staat privilegierte Beziehungen oder eine enge Partnerschaft zu den christlichen Kirchen pflegt und ihnen Handlungsmöglichkeiten in der Gesellschaft gewährt, die in der französischen Gesellschaft nicht denkbar wären. In Deutschland soll der von den Religionsgemeinschaften erteilte Religionsunterricht im Normalfall eine gesellschaftliche Funktion erfüllen und speziell zur Wissens- und Wertevermittlung für die Schüler dienen. Da Deutschland ein Bund von 16 verschiedenen Ländern ist, erkennt das Grundgesetz eine Kompetenz der Länder an, ihre eigenen Schulgesetze zu erlassen, so dass man in den einzelnen Bundesländern nicht von einer einheitlichen allgemein gütigen Form des Religionsunterricht ausgehen kann. Diese Eigenheit des föderalistischen Systems führte uns zu dem interessanten Fall des Bundeslandes Berlin.
Hier wird nach einer speziellen Regelung, der Bremer Klausel (Art. 141 GG), kein verpflichtender Religionsunterricht erteilt, sondern es wird Religion auf freiwilliger Basis und auf alleinige Verantwortung der Religionsgemeinschaften unterrichtet (Art. 13 § 1-5 Berliner SchG). Diese Regelung greift auf die Verfassung dieses Landes von 1948 zurück und stieß regelmäßig auf Widerstand seitens der Kirchen und politischer Parteien wie der CDU. Sie bildet auch eine Ausnahme und Art Alternative zum allgemein gültigen Recht in Deutschland.
2006 verabschiedete die Berliner Regierung (Senat) unter Führung von SPD und der Linken ein Gesetz über die Einführung eines für alle Schüler der Klassen 7 bis 10 (Oberschule in Berlin) verpflichtenden Ethikunterrichts für das Schuljahr 2006-2007. Anders als in anderen
Bundesländern, in denen dieses Fach auch angeboten wird, aber als Alternative zum konfessionell gebundenen Religionsunterricht, soll dieser neuartige Ethikunterricht laut Aussage des Senats zum Dialog zwischen den zahlreichen Kulturen und Religionen, die in Berlin aufeinander treffen, und zu Toleranz gegenüber dem Anderen aufrufen.

Auslöser einer Debatte über Wertevermittlung und Anlass zur Einführung dieses Unterrichtes war 2005 die Ermordung einer jungen Türkin durch ihren Bruder, die ein tiefes Problem der Integration in der multikulturellen Stadt aufdeckte. Im Anschluss (März 2007) gründete sich eine Bürgerinitiative, „Pro Reli e.V“, unterstützt von beiden christlichen Kirchen und den Parteien CDU und FDP, um das Anliegen des Senats per Volksentscheid zu konterkarieren und ein Wahlpflichtmodul zwischen Ethik- und konfessionell gebundenem Religionsunterricht einzuführen. Eine Gegenfront formierte sich in der Gestalt von „Pro Ethik“, um den Ethikunterricht als Pflichtfach ohne Abmeldemöglichkeit zu verteidigen und wurde von der SPD, der Linken und den Grünen unterstützt. Es ist mehr diese Gegenfront als die Initiative Pro Reli, die unser Interesse geweckt hat und die wir gründlich analysiert haben.
Überraschend ist für uns die Anwesenheit einer Untergruppierung namens „Christen Pro Ethik“ in dem Bündnis Pro Ethik gewesen. Bei Betrachtung der Diskurslinien in der Presse aus dieser Zeit und in Anbetracht der Unterstützung der Kirchen hätte man eher erwarten
können, dass das Projekt eines Wahlpflichtmoduls, das Religionsunterricht zu einem Pflichtfach in Berlin machen würde, eher auf Zustimmung der frommen Laien stoßen würde. Aus diesem Tatbestand haben wir den Kern unserer Arbeit gemacht und haben versucht, dieser Problematik zu folgen und sie zu lösen:
Welche pragmatischen und religiösen Gründe und auch welche geschichtlichen und sozialen Prozesse haben dazu geführt, dass Christen sich für einen verpflichtenden Ethikunterricht und die Bewahrung eines speziellen Berliner Status quo (in Sachen Religionsunterricht) engagierten und sich so als eine organisierte Gegenfront zum Anliegen ihrer Kirchen in der Öffentlichkeit zu erkennen gaben?

Zur Klärung dieser Fragen sind wir weniger auf die Ergebnisse des Volksentscheides oder auf die Inhalte des Ethikunterrichts eingegangen, sondern haben vielmehr die Prozesse, Bedingungen,
Grundüberzeugungen herausgesucht, die zu einem solchen Engagement geführt haben.
Um diese Frage beantworten zu können, haben wir im März 2015 in Berlin, in der Form einer qualitativen empirischen Forschung bei 12 Aktivisten von der Gruppierung „Christen pro Ethik“ recherchiert (davon 11 Protestanten und 1 Katholiken), bei 2 Vertretern des Bündnisses Pro Ethik und bei 4 Christen, die sich für die Bewegung Pro Reli engagiert hatten. Dazu haben wir auch zahlreiche Dokumente (in Form von Presseerklärungen, offene Briefe etc.) benutzt, um die argumentativen Linien jener Zeit besser begreifen zu können.
Mit den Interviews und den verschiedenen wissenschaftlichen Lektüren, die wir zu den Forschungsthemen „politisches/ soziales Engagement“ und „Religionssoziologie“ konsultiert haben, steht unsere Arbeit im Zeichen der Individualisierungstheorien. Für beide Gebiete der Recherche scheint dieser postmoderne Prozess der Emanzipierung des Individuums von den institutionellen Zwängen, des Primats des Ichs über alle Bindungen, Geltung und Anwendung zu finden.
Dabei kam heraus, dass das Bündnis Pro Ethik das Profil einer Gegenbewegung angenommen hatte und in einer entsprechenden Beziehung der Abhängigkeit von der Bewegung Pro Reli geraten ist (Meyer; Staggenborg). Alle Aktionen in den zwei Phasen des Volksentscheids (Volksbegehren und dann Volksentscheid) waren darauf gerichtet, die Aktionen des Gegners zu bewerten, zu kritisieren und unglaubwürdig zu machen und natürlich den eigenen Standpunkt durchzusetzen. Es wurde offensichtlich, dass Pro Ethik eigentlich das Ergebnis oder die Konkretisierung einer seit 1999 bestehenden Gruppierung von Personen im Streit über diese Frage eines Wahlpflichtmodules ist. Die Bewegung hat eine kleine Anzahl von Privatpersonen, Organisationen und Institutionen mit der Zeit in einer lockeren Struktur organisiert und basiert auf einem Netzwerk von Experten und Interessierten, die punktuell aktiv waren, immer in einer Art Gegenreaktion auf die Versuche, das Berliner Modell zu kippen. Diese Bewegung bestehend aus verstreuten Individuen und verbunden durch Netzwerke zur Erreichung von bestimmten Zielen an bestimmten Momenten verlieh Pro Ethik das Profil einer „neuen kollektiven Bewegung“, die sie auch befähigte, Aktionsmittel zu verwenden, die sich vom Lobbyismus bis zur Meinungsbildung erstreckten und die auch meistens an die Medien gerichtet waren.
Weil Pro Ethik eine Gegenfront zu einem Gegner formierte, der hauptsächlich von den Großkirchen getragen wurde, konnte die Bewegung ihre strukturelle Flexibilität ausnutzen, um eine neue Gruppierung, Christen Pro Ethik, in den Kampf zu schicken, die ihr die
Legitimität verschaffen würde, ihre Ziele gegen den Willen der religiösen Gemeinschaften zu verfolgen, ohne den Verdacht (verbreitet von Pro Reli und der Presse in der Öffentlichkeit) zu erregen, prinzipiell atheistische Zwecke zu verfolgen. In diesem Sinne kann man sagen, dass die Christen Pro Ethik erst einmal eine nützliche zusätzliche Waffe oder Komponente im Kampf um die Meinungsbildung gewesen sind, dadurch, dass sie mit ihrer Existenz als Gruppe gezeigt haben, dass auch Christen sich für den Ethikunterricht (verstanden von ihnen als eine politische Lösung von Integrationsschwierigkeiten) positionieren können.
Sowohl die Struktur dieser Untergruppierung als auch ihre Aktionsmittel sind ähnlich denen des Bündnisses gewesen: keine feste Zugehörigkeit, kein hierarchischer Aufbau, Forderungen hauptsächlich gerichtet an die Presse. In einem solchen Rahmen wurde viel Bedeutung dem persönlichen Engagement der Aktivisten beigemessen, etwa, indem sie sich durch Petitionen (das heißt im eigenen Namen) erkennbar gemacht haben, eigene Initiativen ergreifen konnten, was implizierte, dass das Engagement aus eigenem Willen zustande gekommen war.
Bemerkenswert ist auch die fast komplette Auflösung der Gruppe nach der Erreichung der Ziele (nachdem der Volksentscheid die Niederlage des Pro Reli Projekts herbeigeführt hat).

Das alles sind Merkmale von für unsere Zeit kennzeichnenden Bedingungen eines individuellen Engagements, bei denen das Individuum und sein Wille, mit- oder nicht mitzumachen, wie lange und im welchem Ausmaß, im Zentrum stehen. Dass Christen sich
organisiert haben und einen Anspruch auf Mitsprache gegenüber den anscheinend einheitlichen Argumenten der Kirchen erhoben haben, hat uns dazu geführt, uns zu fragen, welche pragmatischen Motive und Verlaufe des Engagements dafür verantwortlich waren.
Zusammenfassend konnte man beobachten, dass ein persönliches Interesse bei den Befragten vorhanden war, bei der Politik der Stadt und an der Lösung der Probleme mitzuwirken, indem sie den Ethikunterricht verteidigten. Auch konnte ein dichtes und entwickeltes Netzwerk von Christen zur Mobilisierung verhelfen, wobei die Aktivisten einander entweder persönlich, aus biographischen Gründen kannten, oder aktiv waren in Gemeindestrukturen und sich von daher kannten, wie die Niederländische Ökumenische Gemeinde oder der Dietrich Bonhoeffer Verein, die durch ihre Ziele und ihr Selbstverständnis als Mobilisierungsstellen gelten können. Beide „Gemeinden“ verstehen das Christsein als unmittelbar mit Politik und Weltgeschehen verbunden und fordern die Mitwirkung oder die Verantwortung von Christen in der Gesellschaft und sind durch ihre eigene Struktur (NÖG) oder ihre Forderungen (DBV) Zeichen für eine von der Institution Kirche als solcher abweichenden, innovativen Gruppe von Christen.
Diese Voraussetzungen sind zwar nützlich und unerlässlich zum Verständnis der strukturellen Faktoren, die das Involvieren in eine kollektive Bewegung begünstigen, erklären jedoch nur unzureichend die persönlichen Gründe der Aktivisten für ein militantes Engagement, die sehr mit der eigenen Identität verbunden sein können (McAdam).
Vielmehr scheint ein derartiges Engagement in der Debatte durch die Tatsache bedingt zu sein, dass diese Christen durch ihr Mitkämpfen darauf hinweisen wollten, dass es in der Kirche mehrere Stimmen gibt, das heißt, eine innere Pluralität von Meinungen oder
Religionsauffassungen. Ein Mobilisierungsgrund, der häufig genannt wird, ist, dass diese Christen oft verärgert oder sogar empört waren gegenüber dem, was sie als eine „Vereinnahmung“ aller Christen durch ihre Kirchen (vor allem der evangelische Kirche) empfanden, zu dem Zweck einer Kraftprobe zwischen den Konfessionen. Andere Christen, nämlich die, die sich für Pro Reli aussprachen, haben dies nicht so wahrgenommen und haben unterstrichen, dass ein Christ sich loyal zu den Zielen seiner Religionsgemeinschaft verhalten sollte, was ihre Verwunderung, ihr Unverständnis und manchmal ihre Missachtung gegenüber den Christen Pro Ethik erklären kann. Es zeigt aber auch, dass tatsächlich ein innerer Pluralismus innerhalb der Kirchen zu finden ist, der seinen Ausdruck in den Christen Pro Ethik fand.
Dieser Pluralismus implizierte für uns, dass wir nach den Ursachen der Meinungsunterschiede (oder Spaltungen) suchen mussten, ja die sozial-geschichtlichen Faktoren näher betrachten mussten, die das Leben unserer Befragten begleitet und geprägt haben. Dafür hat es sich als nützlich erwiesen, die tieferen religiösen und politischen Überzeugungen dieser Christen zu begreifen, was uns dazu brachte zu entdecken, dass die Gruppe in ihrer Substanz nicht homogen war, so dass unterschiedliche Sozialisierungen festgestellt werden konnten, die eine nicht unbeachtliche Rolle bei der Wahrnehmung und Praxis der Handelnden auf religiöser und politischer Ebene spielen.
Die Mehrheit der Interviewten (8 von 12) haben eine ostdeutsche Sozialisierung, die sich in mehreren Punkten von der westdeutschen Sozialisierung und demzufolge auch vom jeweiligen Selbstverständnis als Christ unterscheidet. „Kulturelle Unterschiede“ innerhalb der Gruppierung konnten ausgemacht werden und sie scheinen die Auffassungsunterschiede im Bereich in Sache Religion und Staat, die zwischen West- und Ostdeutschland vorhanden sind, aufzuzeigen. Dabei kommt heraus, dass diese Christen sich die vom totalitären sozialistischen DDR-Staat erzeugte „forcierte Säkularisierung“ (Wohlrab-Sahr) in vielen Bereichen angeeignet haben. Dadurch, dass sie unter den Bedingungen dieses politischen und weltanschaulichen Systems aufgewachsen sind, treten sie z.B. entschieden für eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirchen, wie sie ihres Erachtens nach in der DDR vollzogen war, und auch für die Abschaffung von sozialen, finanziellen und organisatorischen Privilegien ein. Diese beiden Fakten, die die Großkirchen akzeptieren sollten, erscheinen als grundlegend für ihre religiöse Identität wie auch für ihre Vorstellung einer säkularisierten Gesellschaft, die zudem religiös immer pluralistischer wird und somit die volkskirchliche Strukturen als anachronistisch und nicht mehr berechtigt erscheinen lassen. Auch die ideellen Prinzipien der sozialistischen Gesellschaft (Solidarität, Gemeinschaft, soziale Justiz etc.) haben sie sich zu eigen gemacht, sie prägen ihre religiöse Identität entscheidend in vielen Punkten. Man merkt bei manchen Befragten eine tiefe Sehnsucht nach DDR-Zeiten und beträchtliche Kritik in Bezug auf die Wiedervereinigung mit der BRD, die für sie schwere Folgen in allen gesellschaftlichen aber auch religiösen Bereichen mit sich gebracht hat. Was zu beobachten ist, ist, dass diese „Ostchristen“ sich eine religiöse Identität in Übereinstimmung mit einer bestimmten „Kultur“ aufgebaut haben, die mit der Wiedervereinigung eine Art Erniedrigung erlitten hat. So überrascht es kaum, wenn sie oft das DDR-Staatskirchenverhältnis aber auch von ihnen wahrgenommenen „DDR-Sitten“ alsBezugspunkt für ihre Bewertung der Situation nach der Wiedervereinigung nehmen.
Außerdem kann ihr Engagement oder die Neigung dazu, sich in der Welt als Christ für eine Sache zu engagieren, mit dem Konzept der „religiösen Individualisierung“ verstanden werden, das charakteristisch für die „Modernität“ aber auch dem Protestantismus innewohnend ist. In den Aussagen der Interviewten kommt oft das Luther’sche Argument der „Freiheit eines jeden Christenmenschen“ vor, das vorsieht, dass ein Christ weniger der Institution Kirche zu gehorchen hat, als vielmehr seinem eigenen Gewissen. So kann man die Individualisierungsstufe jener Christen messen, die aus Gewissensgründen ihre Stimme gegen die Linie ihrer Kirche erhoben haben und das als völlig berechtigt betrachten im Unterschied zu christlichen Vertretern von Pro Reli.
Aber diese für unsere Zeit kennzeichnende Individualisierung des Glaubens könnte auch verstärkt worden sein durch sozialhistorische
Elemente, die die Biographie einiger Befragten geprägt haben. Es wurde festgestellt, dass 9 Befragte (7 aus dem Osten, 2 aus dem Westen Deutschlands) zwischen 70 und 84 Jahre alt sind, also der gleichen Generation angehören, was bedeutet, dass sie mit ähnlichen
Erfahrungen konfrontiert gewesen sein könnten. Die Neubestimmung der Rolle der Kirchen in der Nachkriegszeit, hauptsächlich von den Prinzipien der Bekennenden Kirche und dem Theologen Dietrich Bonhoeffer wie auch die Auswirkungen des II. Vatikanischen Konzils,
die die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche, der Welt und den Laien radikal neu definiert hatten, sowie das gleichzeitige und resultierende (1960-1970) Auftauchen von neuen Theologierichtungen wie der politischen Theologie (Teil des Linksprotestantismus), können entscheidende Faktoren zur Prägung jener Epoche sein. Sie bilden neue moderne Realitäten in dem religiösen Feld jener Epoche (Individualisierung, Demokratisierung, Pluralisierung, Öffnung zur Welt), die neue Handlungsmöglichkeiten für fromme Individuen eröffnet haben.
Diese Individuen wollten anscheinend die neuen Ansätze in die Praxis umsetzen, in einem historischen Kontext, der konfliktreich war (DDR, Kalter Krieg) und dementsprechend günstig für Engagements aller Arten erschien. In dieser Zeit haben ein Großteil unserer Befragten in christlichen Gruppierungen für den Frieden (wie die Christliche Friedenskonferenz von Prag), für eine Demokratisierung und Mitwirkung der Katholischen Kirche in der DDR im Einklang mit Vatikan II (Aktionskreishalle) oder bei der Friedensbewegungen (im Westen und Osten Deutschlands) mitgemacht. Auch das Verständnis der Kirche und ihrer Rolle (meistens verstanden als Kirche für die anderen) ist
von dieser Zeit geprägt und das Mitmachen bei der CFK oder die Nennung der Theologie der Befreiung in den Interviews lässt vermuten, dass einige der Interviewten im Sozialismus eine kompatible Bedingung oder eine Möglichkeit für die Erreichung von einigen christlichen Zielen sahen. Die christliche Bewegungen, die sehr politisch engagiert waren, konnten unseres Erachtens nach zwei Rollen spielen: sie wirkten einerseits als Verbreitungs- und Lernplattformen der modernen (und progressiven) Ansätze des christlichen Selbstverständnisses aber anderseits auch als „gemeinschaftliche oder gegenseitige Bestätigungssysteme des Glaubens“ (Hervieu-léger) jener neuen von der auftauchende religiösen Individualisierung gefärbten Glaubens- und Handlungsarten, die unsere Christen in sich und außerhalb der institutionellen religiösen Sphären trugen.

Abschließend kann man sagen, dass Christen Pro Ethik als eine politisch-religiöse Bewegung gelten kann, die eine, aber nicht ausschließlich, bestimmte „Generationseinheit“ (in Mannheim) oder Peer-Gruppe mobilisiert hat, die in der Verteidigung des Ethikunterrichtes zugleich ein Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, entstanden durch den modernen religiösen Pluralismus, gesehen hat, wie auch eine Fortsetzung des während des Kalten
Krieges begonnenen religiös-politischen Engagements und eine Möglichkeit der Bewahrung einer bestimmten religiösen und kulturellen Identität mit Bezug zur DDR-Zeit.

 

am 15.10.2015 schrieb Joseph Göbel dazu:

Lieber Herr Bocage, Ihr Resüme habe ich aufmerksam und mit Gewinn gelesen. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Master und einen guten Einstieg in die Welt der Arbeit!
Sie arbeiten deutlich die Fragestellung heraus: "Welche pragmatischen und religösen Gründe .... haben dazu geführt, dass Christen sich für einen verpflichtenden Ethikunterricht ... " (S.3) und verfolgen diese konsequent. Insofern ist es für einen damalig Aktiven interessant, sein Engagement von außen betrachtet zu sehen. Befremdlich ist für mich und meinen Blick auf mich, dass Sie offenbar den Eindruck gewonnen haben, dass die ostdeutsche Sozialisation sehr maßgeblich unsere Parteinahme bestimmt hat. Ich glaubte für mich, einen allgemeineren Standpunkt - eben die von Ihnen auch genannte Säkularität und Polarität - als Motiv zu haben.
Sehr interessant ist - und da erkenne ich mich auch wieder - , dass Sie die zunehmende Individualisierung als ein Hauptmerkmal für die veränderte Situation im weltanschaulichen Bildungsbereich mehrfach in den Blick nehmen.
Daraus könnte man ein inhaltliches Argument für das gemeinsame Pflichtfach entwickeln - was nicht Ihre Fragestellung war -, dass die nicht mehr nur über Herkünfte sich verstehenden Individuen ein neues Lernfach benötigen:
das methodisch sich Verständigen-lernen in der allgemeinen Schulbildung, um nicht zu vereinzeln und am Ende wieder vereinnahmt zu werden. Das war damals mit anderen Hintergründen eines unser Argumente für Ethik. Ich fand es auch in dieser Hinsicht eine Bereicherung, Ihre Arbeit zu lesen......
Nochmals herzlichen Dank für die gute Begegnung in Person und Schrift.
Mit freundlichen Grüßen
Josef Göbel

Ich möchte mich diesen Gedanken anschliessen und in diesem Sinne auch meine Freude darüber ausdrücken,
- dass Herr Navid Kermani am 18.10.2015 in der Frankfurter Paulskirche nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Ende seiner Dankesrede seine Hörerschaft zum Gebet aufrief,
- dass er dabei diejenigen zum wünschen aufforderte, die nicht beten könnten und ---
- dass die Hörerschaft ihm folgte.
Ruth Priese




- Danksagungen für Karl Martin

Herrn Martins Tod ... hat mich sehr berührt. Ich erinnere mich seiner als gradliniger, aufrechter Christenmensch, der sich engagiert für die notwendige Weiterentwicklung der evangelischenn Kirche von einer "staatstragenden", oft zu repräsentativen Institution zu einer Kirche eingesetzt hat, die auf der Grundlage des Neuen Testaments kritisch die gesellschaftlichen Vorgänge hinterfragt und entsprechend Stellung bezieht und sich tatsächlich allen Menschen öffnet und ihre Belange vertritt.
                              Ingrid von Bahder im Januar 2015
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Dr. Karl Martin, Pfarrer i.R. und Vorsitzender des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins ist am 29.9. 2014 nach kurzer, schwerer Krankheit heimgegangen – in dieser schweren Zeit liebevoll begleitet durch seine Frau Rosemarie Daser-Martin.

Wir alle, die wir in dem für alle Jugendlichen verpflichtend gemeinsamen Schulfaches Ethik eine Förderung des gedeihlichen Zusammenwirkens von Gesellschaft und Religion/Weltanschauung sehen, haben ihm zu danken.

Persönlich und als Vorsitzender des Dietrich – Bonhoffer-Vereins hat er sich nicht nur in der Volksabstimmungsphase in Berlin 2008-2009, sondern grundsätzlich für dieses gemeinsame Fach für alle Schüler_Innen - (und auch vehement für den Erhalt dieser web-seite) eingesetzt. Das war für einen in der westdeutschen Umwelt entstandenen Verein und für einen dort lange gelebt und gewirkt Habenden eher ungewöhnlich und leider auch fast einmalig.

Es ergab sich für Karl Martin aus der von Dietrich Bonhoeffer übernommenen Einsicht: Kirche wird nur noch sein, wenn sie Kirche für andere ist. Dieser Überzeugung fühlte sich Karl Martin mit Hingabe verpflichtet. Das führte ihn zu Schlussfolgerungen für die Gestalt der Kirche in der Gesellschaft von heute: dass sie ohne Privilegien auskommen soll, dass sie sich beteiligen aber nicht bestimmen darf.

Ein solcher Verzicht auf Größe erscheint vielen als Verzicht auf Wirkung. Nicht so Karl Martin: Es entsprach seinem starken Herzen, einerseits wie ein wortmächtiger Reformator für eine Änderung zu predigen und gleichzeitig mit sanftem, fast kindlichem Gemüt zu werben und vorzuleben, dass gelingendes Leben, ein Leben für andere ist, wie eben sinnvolle Religion/Weltanschauung, eine für andere ist.

Das schien bei ihm nicht nur tiefe Überzeugung sondern kam aus einer an ihm offenbaren Erfahrung eines Ruhens in dem Geheimnis, das alle Menschen umfängt und zu dem er ganz persönlich Du sagen konnte - das ihn nun umfangen möge als bleibendem Zuhause.

                              Josef Göbel und Ruth Priese am 6.10.2014                                                                                                                                                           





nach dem Volksentscheid 2009

Auch nach dem Volksentscheid arbeiten Christen pro Ethik im Rahmen des »Bündnisses Pro Ethik«

für eine qualitative Verbesserung des Ethikunterrichtes in Berlin und
für eine gute Lehrerqualifizierung.

Ein besonderes Anliegen ist es ihnen dabei,

dass religionskundliches Basiswissen in den Ethikunterricht integriert wird und dass achtsame Beziehungen zwischen SchülerInnen und Lehrkräften im Ethikunterricht gefördert werden.

In dem »Bündnis Pro Ethik« kooperieren neben uns die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen und Parteien Berlins.Das Bündnis arbeitet derzeit an einer Bestandsaufnahme des Ethikunterrichts in Berlin und an seiner Weiterentwicklung. U.a. über das »Dialogforum Ethik« auf der Web-Seite www.proethik.info ist jede und jeder gebeten,sich an diesem Diskussionsprozess zu beteiligen. (Auch über den Bildungsserver Berlin-Brandenburg sind Infos über das Fach, Fachbriefe, Erfahrungsberichte und mehr einzusehen.)

Auf der Tagesordnung der Christen pro Ethik stehen nun aber nicht nur Themen, die sich mit der Unterrichtsproblematik dieses Schulfaches befassen. Darüber hinaus wollen wir auch die übergreifenden Fragen nach einem veränderten Selbstverständnis unserer christlichen Kirchen in der multireligiöser werdenden Zukunft bedenken, etwa die Fragen:

Wie kann das Positive des christlichen Erbes allen Menschen zugute kommen? Wie wird es auch für diejenigen Menschen zugänglich, die keiner religiösen Gemeinschaft angehören?